“Ich habe in meiner Welt gelebt, die nicht die Welt der anderen war.”
Josy ist 60 Jahre alt, Berufsschullehrerin, lebt in der Nähe von Lübeck und berichtet uns von ihrer langwierigen Geschichte über ihre Borderline-Erkrankung. Die offizielle Diagnose bekam sie nämlich erst im vergangenen Jahr – mit 59 Jahren. Wenn Josy heute über ihren Weg spricht, tut sie das mit einer inneren Ruhe. Sie habe lange gebraucht, um sich selbst zu verstehen und mit Mitgefühl zu begegnen, sagt sie.
Das Leben in der eigenen Welt
Die Diagnose ihrer Borderline-Erkrankung erhielt Josy zwar erst spät, dennoch merkte sie bereits im frühen Jugendalter, dass sie anders ist. Während andere Kinder spielten und lachten, saß sie oft still da – träumend, beobachtend, in einer Welt, die nur ihr gehörte. An die Grundschulzeit hat sie kaum Erinnerungen. Weder an Freundschaften noch an Momente kindlicher Unbeschwertheit. Es ist, als hätte sie diese Jahre nur abgesessen, fast unsichtbar für ihre Außenwelt. Während die anderen Kinder mühelos Anschluss fanden, zog Josy sich immer mehr zurück. Sie genoss es, einfach nur am Fenster zu sitzen und hinauszuschauen. Wenn sie zu Kindergeburtstagen eingeladen wurde, ging sie aus Höflichkeit hin. Sie freute sich über den Kuchen und über die Süßigkeiten, doch das Gefühl, wirklich dazuzugehören, blieb aus. Sie war freundlich, ruhig und angepasst. Unsichtbar für die anderen, aber innerlich voll von Empfindungen und Ängsten.
Rückblickend sagt sie:
“Ich habe gefühlt, dass ich anders bin und dass ich mich mit anderen Sachen beschäftige als die anderen. Mir ging es mit mir selbst gut, aber im Kontakt mit anderen Menschen habe ich mich nicht wohl gefühlt.”
In ihrer frühen Jugend begann Josy, sich selbst zu hinterfragen. Mit etwa zwölf Jahren stieß sie zufällig in einer Kinderzeitung auf eine Buchempfehlung. Es war ein Ratgeber für Kinder über Selbstwert und den Umgang mit Gefühlen. Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, dass jemand Worte fand für das, was in ihr vorging. Es war der erste zarte Versuch, sich selbst zu verstehen noch lange bevor sie wusste, dass all diese Themen später Teil ihrer Therapie werden würden.
Doch die Welt außerhalb des Buches blieb unverändert schwierig. Schon früh begann Josy, ihre Gefühle in Texte zu fassen, weil Worte das waren, was ihr den stärksten Halt gab. Sie spürte, wie schwer es ihr fiel, loszulassen oder Veränderungen zuzulassen, und wie tief der Schmerz des Verlassenwerdens in ihr saß. Wenn sie ihre Ängste nach außen zeigte, mit Tränen oder Verzweiflung, stieß sie meist auf Unverständnis. Ein Muster, das sich wie ein roter Faden durch ihr ganzes Leben zog. Auch von ihren engsten Bezugspersonen erhielt sie nicht die Validierung ihrer Gefühlswelt, die sie sich so stark wünschte.
Der lange Weg zur Diagnose
Lange Zeit sammelten sich Diagnosen wie lose Puzzleteile, die nie ein vollständiges Bild ergaben. Mal hieß es “nur” Depression, dann bipolare Störung, einmal Dysthymie. Doch nichts davon fühlte sich für Josy wirklich stimmig an. Sie spürte, dass hinter ihrer Traurigkeit mehr lag als eine depressive Episode, dass ihre heftigen Emotionen, ihre Angst vor dem Verlassenwerden und ihre innere Unsicherheit nicht einfach nur Stimmungsschwankungen waren.
Als schließlich die Diagnose einer Borderline-Persönlichkeitsstörung gestellt wurde, war das für Josy kein Schock, sondern ein langersehnter Moment der Klarheit. Zum ersten Mal ergab alles Sinn. Zum ersten Mal passten ihre Empfindungen, ihre Muster, ihre Verletzlichkeit in einen Zusammenhang. Endlich gab es einen Namen für das, was sie ihr Leben lang gespürt hatte und damit auch einen Weg, damit umzugehen. Diese Erkenntnis brachte ihr eine tiefe Erleichterung:
“Das war für mich wie ein Stern, der am Himmel aufgeht. Es ist nicht mein Fehler, dass ich so bin, sondern es ist einfach eine Erkrankung. Ich fühlte mich nicht mehr schuldig.”
Die Diagnose gab ihr Hoffnung und Zuversicht. Wenn Josy erneut mit großen Herausforderungen konfrontiert wurde, zögerte sie nicht, erneut professionelle Unterstützung anzunehmen. Ein kurzer stationärer Aufenthalt schenkte ihr Halt und neue Kraft.
“Die Klinik ist wie ein Regenschirm, unter der man sich unterstellen kann, wenn der Wind oder das Gewitter zu stark stürmt.”
priovi – Schematherapie für Zuhause
Josy hat gelernt, dass ihre Borderline-Erkrankung als stilles Borderline eingestuft wird. Wenn andere Wut oder Verzweiflung laut zeigen, zieht sie sich zurück. Ihre Verletzung richtet sich nach innen in Form von Selbstkritik, Entwertung und endlosen Grübelschleifen. In der Schematherapie begann Josy , ihre inneren Anteile kennenzulernen. Das verlassene Kind, den inneren Kritiker, die Beschützerin. Sie lernte, dass diese inneren Stimmen alte Strategien waren, um mit Schmerz umzugehen. Nun konnte sie sich selbst beobachten, ohne sich zu verurteilen. Wenn sie heute in einem alten Muster landet, kann sie innehalten und sich fragen: Welcher Modus ist das gerade? Und allein diese Erkenntnis genügt oft, um ein Stück Distanz zu schaffen.
Josys Therapeutin empfahl ihr priovi, ein digitales Therapieprogramm, das die Schematherapie in den Alltag übersetzt. priovi sprach eine Sprache, die sie verstand. Langsam begann sie, Muster zu erkennen, bevor sie eskalierten. Sie lernte, Gefühle auszuhalten, zu atmen und sich selbst freundlich zu begegnen. Besonders zu Beginn halfen ihr die einführenden Gespräche, die Grundlagen ihrer Erkrankung zu verstehen. Wenn in der Therapiesitzung manches zu schnell ging oder emotional überwältigend war, konnte Josy zu Hause mit priovi alles noch einmal in Ruhe nacharbeiten. Im oft hektischen Schulalltag erinnerten sie die täglichen SMS daran, kurz innezuhalten. Das half ihr, ihre Bedürfnisse überhaupt erst wieder wahrzunehmen.
priovi wurde zu einem wichtigen Werkzeugkasten für Josy:
“Die Borderline-Erkrankung ist wie ein Loch, in das ich gefallen bin. Aber es gibt Leitern, die mich dort rausholen. Die eine Leiter ist meine Therapeutin und die andere ist priovi.“
Die Arbeit an sich selbst
Das Gefühl des Verlassenwerdens bleibt eines der tiefsten und schmerzhaftesten Themen für Josy. Wenn ein Mensch, der ihr wichtig ist, sie verlässt – sei es im privaten oder im therapeutischen Kontext –, fühlt es sich für sie an, als würde der Boden unter ihr wegbrechen. Sie weiß dann rational, dass dieser Mensch noch existiert, dass er nur einen anderen Weg eingeschlagen hat. Aber emotional dauert es oft Wochen, bis der Schmerz nachlässt. Auch das Gefühl zu lieben und geliebt zu werden ist für Josy weiterhin schwierig.
Wenn Josy heute über ihre Gefühle spricht, dann meist durch ihre Texte. Das Schreiben ist ihr Anker geworden und zu einem Ort, an dem sie alles loslassen darf. Neben dem Schreiben hat Josy gelernt, was Selbstfürsorge für sie bedeutet. Sich mit einer warmen Decke ins Bett kuscheln, Musik hören, zeichnen, sich mit ihrem Hund zurückziehen oder einfach eine Entspannungsübung in priovi machen. Sie hat verstanden, dass Selbstfürsorge nicht immer schön oder leicht ist. Sie ist oft das bewusste Zulassen von Ruhe, das Nein-Sagen zu Menschen, die ihr nicht guttun, oder das Erkennen, wann eine Situation zu viel wird. Denn Stigmatisierung hat sie viel zu oft erlebt. Menschen, die ihre Gefühlswelt als „Dramatik“ abtaten und ihre Wahrnehmung infrage stellten. Freund:innen, die sie einfach nicht ernst nahmen. All das hat Spuren hinterlassen. Vor allem das Gefühl, nicht gehört und nicht respektiert zu werden. Inzwischen hat Josy gelernt, sich zu distanzieren, wenn Beziehungen ihr schaden.
Josy wünscht sich, dass mit Menschen mit psychischen Erkrankungen ganz normal umgegangen wird. Dass man nicht direkt in eine Schublade gesteckt wird. Dass jeder den Raum bekommt, um für seine Bedürfnisse zu sorgen:
“Mit jedem sollte achtsam umgegangen werden. Jeder Mensch, der besondere Bedürfnisse hat, ist genauso wertvoll wie jeder andere auch. Wir sollten ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Sprache sowohl sehr verletzend als auch sehr fördernd sein kann.”
In ihrer Arbeit als Lehrerin spürt Josy, wie sehr ihr eigener Weg ihre Haltung im Generellen verändert hatte. Sie sieht plötzlich die stillen Kinder, die sich zu sehr anpassten. Sie erkannte die Unsicherheiten hinter dem Trotz, die Überforderung hinter der Wut. Ihre Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen macht sie zu einer empathischeren Pädagogin.
Heute ist Josy nicht symptomfrei, aber sie lebt bewusster. Sie spürt langsam wieder Freude, echte Lebendigkeit und nicht mehr nur das Gefühl, hinter einer Milchglasscheibe zu existieren.