Wenn ein nahestehender Mensch mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung lebt, kann das den Alltag für alle Beteiligten herausfordernd machen. Intensive Gefühle, Missverständnisse, Konflikte oder Krisen belasten nicht nur die Betroffenen selbst, sondern oft auch Partner:innen, Eltern, Geschwister oder Freund:innen.
Viele Angehörige wünschen sich, besser zu verstehen, was in ihrem Gegenüber vorgeht. Gleichzeitig stellen sie sich Fragen wie: Wie kann ich helfen, ohne mich selbst zu verlieren? Wie gehe ich mit schwierigen Situationen um? Und wo liegen meine eigenen Grenzen?
Du musst nicht alles allein bewältigen. Wissen über die Erkrankung, eine wertschätzende Kommunikation und ein gesunder Blick auf die eigenen Bedürfnisse können dabei helfen, die Beziehung langfristig stabiler und entlastender zu gestalten – für beide Seiten.
Unterstützung bei Borderline: Die wichtigsten DOs für Angehörige
Die Borderline Persönlichkeitsstörung ist eine psychische Erkrankung, die bis zu 2,7 Prozent der Bevölkerung betrifft. Sie geht zu 90 Prozent mit anderen Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen einher. Betroffene erleben häufig intensive Emotionen, die sich besonders auf ihre Beziehungen auswirken.
Als Angehörige:r erlebst du bei Borderline-Betroffenen wahrscheinlich starke und unvorhersehbare Stimmungsschwankungen und Gefühlsausbrüche. Das kann herausfordernd und beängstigend sein. Wichtig ist es zu wissen, dass es sich bei Borderline um eine Erkrankung handelt, für die der oder die Betroffene keine Schuld trägt. Tatsächlich kann man den gesunden Umgang mit einem Menschen mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung lernen. Auf folgende Dinge solltest du achten, um die Beziehung mit dem oder der Borderline Betroffenen für alle Seiten so angenehm wie möglich zu gestalten:
- Information: Einer der wichtigsten Grundpfeiler im Umgang mit Borderline ist eine umfangreiche Information über die Erkrankung. Wer Symptome, Ursachen und Begleiterscheinungen versteht, kann in der Realität angemessener auf brenzlige Situationen reagieren.
- Verlässlichkeit: Klare Absprachen und deren Einhaltung schaffen Vertrauen und Sicherheit beim Borderline Betroffenen. Diese Stabilität hilft Patient:innen, in ihrer Mitte zu bleiben.
- Ehrlichkeit: Häufig neigen Angehörige von Borderline Patient:innen dazu, ihre eigenen Gefühle zu verschweigen, um den anderen zu schonen. Authentische Rückmeldung hilft Betroffenen jedoch mehr, da sie die Chance zur Selbstreflexion bietet.
- Berechenbarkeit: Unberechenbarkeit ist Gift für Borderline-Betroffene. Habt ihr in eurer Beziehung bestimmte Rituale, solltest du darauf achten, diese einzuhalten.
- Klarheit: Setze Grenzen. Im Umgang mit Borderline musst du nicht nur rücksichtsvoll mit dem oder der Betroffenen umgehen, sondern auch mit dir selbst. Kommuniziere liebevoll, aber deutlich, wenn du eine Auszeit benötigst.
- Empathie: Kommuniziere einfühlsam und verständnisvoll, auch wenn du die starken Gefühle deines Gegenübers nicht verstehen kannst. Mitgefühl nimmt intensiven Emotionen häufig den Wind aus den Segeln.
- Achtsamkeit: Lerne die Stimmungen deines Gegenübers kennen. So kann es dir mit der Zeit gelingen, Trigger zu entlarven und starke Ausbrüche zu regulieren.
- Anerkennung: Borderline-Betroffene schämen sich manchmal für ihre Gefühlsausbrüche und fühlen sich nicht liebenswert. Äußere deine Anerkennung und Zuneigung daher offen und zeige eine respektvolle Haltung.
Es ist absolut legitim, dass auch du dir professionelle Hilfe suchst. Ob es sich beim Betroffenen um deine Mutter, deinen Vater, Geschwister, Kinder oder Partner:in handelt – der Umgang mit Borderline kann belastend werden. Gespräche mit ausgebildeten Therapeut:innen in einem geschützten Rahmen nehmen die Last von deinen Schultern und öffnen neue Wege. Vielleicht ist es möglich, den oder die Borderline Patient:in zu ihrer Therapie zu begleiten? Dies vertieft nicht nur das Verständnis bei dir für die Erkrankung, sondern zeigt Betroffenen deinen Rückhalt und stärkt eure Beziehung.
Was du bei Borderline vermeiden solltest: Die DON'Ts für Angehörige
Du weißt jetzt, wie man besser für Angehörige mit Borderline sorgen kann. Dennoch bist du ein Mensch und keine Maschine. Sicher rutscht dir im Eifer des Gefechts das ein oder andere Wort heraus, das du hinterher bereust. Das ist in Ordnung und darf passieren. Versuche jedoch folgende Dinge im Umgang mit Borderline zu vermeiden:
Diskussionen in Hochstressphasen: Starke Gefühlsausbrüche lassen manchmal keinen Platz für Rationalität. In akuten Phasen hoher Anspannung ist Empathie und Präsenz gefragt. Wenn sich die Wogen geglättet haben, kannst du sanft ein Gespräch anstoßen.
- Verantwortungsübernahme: Du bist weder verantwortlich für die Erkrankung deines Angehörigen noch kannst du diese heilen. Deine Anteilnahme ersetzt in keinem Fall eine Therapie.
- Dich selbst vernachlässigen: Selbstfürsorge ist wichtig, um die Kraft für herausfordernde Dynamiken zu haben.
- Bewertung: Vermeide es, Gefühle deines Gegenübers zu bewerten, Schuldzuweisungen zu machen oder gar einen „Gegenangriff“ zu starten.
Grenzen setzen bei Borderline: Ein Akt der Selbstfürsorge
Viele Menschen mit Borderline erleben Trennung, Distanz oder Rückzug besonders intensiv. Dadurch können Situationen entstehen, in denen das Bedürfnis nach Nähe und Sicherheit sehr stark wird. Gerade deshalb sind klare und verlässliche Grenzen wichtig. Grenzen bedeuten nicht Ablehnung. Sie helfen dabei, Beziehungen vorhersehbar und stabil zu gestalten.
Wenn du eine Pause brauchst, darfst du das kommunizieren: „Ich merke, dass ich gerade Zeit für mich brauche. Lass uns später weiterreden.“
Solche Aussagen verbinden zwei wichtige Botschaften: Du achtest auf deine eigenen Bedürfnisse und bleibst gleichzeitig respektvoll im Kontakt. Langfristig profitieren beide Seiten davon, wenn Nähe und Selbstfürsorge gleichermaßen Platz haben.
Spezifische Tipps für den Alltag mit Borderline
Der Umgang mit einem Sohn oder einer Tochter mit Borderline kann eine große Herausforderung sein. Eltern wollen immer für ihre Kinder da sein. Halt ist wichtig, Autonomie aber auch – deine wie auch die deines Kindes. Wenn du deinem Nachwuchs ständig alles abnimmst, begebt ihr euch in eine Co-Abhängigkeit, die toxisch für beide Parteien ist. Folgende Faktoren geben euch Stabilität und Sicherheit im täglichen Miteinander:
- Strukturierter Tagesablauf
- Realistische Erwartungen
- Klare Regeln und Grenzen
- Körperliche Aktivitäten
- Stabiles Netzwerk
Suggeriere deinem Kind, dass du für es da bist. Gehe Wege mit ihm zusammen, ohne sie ihm komplett abzunehmen. Das gibt bei Borderline-Betroffenen Selbstvertrauen zurück und stärkt eure Beziehung. Arbeitet als Team Hand in Hand, so hat jeder am Ende des Tages noch genügend Energie für den nächsten übrig.
Hilfe für dich: Warum du nicht allein bleiben musst
Du bist nicht allein. Viele Menschen fühlen sich hilflos im Umgang mit Borderline. Zum Glück gibt es regional deutschlandweit und online spezielle Netzwerke zur Borderline Hilfe für Angehörige, wie:
- BApK: Der Bundesverband Angehöriger psychisch erkrankter Menschen bietet auf seiner Website zahlreiche wertvolle Informationen und Kontaktmöglichkeiten zur Borderline Hilfe an.
- Regionale Selbsthilfegruppen: Schau nach Gesprächsrunden für Angehörige psychisch erkrankter Menschen in deiner Nähe. Selbsthilfegruppen wie die des ApK München sind eine wertvolle Unterstützung für Betroffene.
- Videokonferenzen: Die Borderland-SHG bietet für Betroffene und Angehörige zweimal in der Woche Online-Selbsthilfegruppen an, an denen du von ganz Deutschland aus teilnehmen kannst.
Digitale Unterstützung mit priovi
Darüber hinaus dienen digitale Unterstützungsangebote wie priovi zur Aufklärung und Hilfestellung im Umgang mit Borderline. Die digitale Anwendung ist die einzige verschreibungsfähige Behandlung bei Borderline und unterstützt Betroffene in jeder Gefühlslage. Bei Bedarf könnt ihr über euch das erlernte Wissen und die Inhalte des Programms gemeinsam austauschen und gesunde Lösungen für herausfordernde Momente finden. priovi ist kostenlos auf ärztliches Rezept verfügbar. Lernt die Muster im Umgang mit Borderline verstehen und schafft einen sicheren Rahmen für eine gesunde Beziehung.
Fazit – Unterstützung beginnt auch bei dir selbst
Einen Menschen mit Borderline zu begleiten, kann bereichernd sein, aber auch Kraft kosten. Viele Angehörige wünschen sich, zu helfen, Konflikte zu vermeiden und für Stabilität zu sorgen. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass auch die eigenen Bedürfnisse Aufmerksamkeit verdienen.
Du musst nicht jede Krise lösen und nicht immer die richtigen Worte finden. Oft sind Verlässlichkeit, ehrliches Interesse und ein respektvoller Umgang bereits eine wertvolle Unterstützung. Gleichzeitig ist es wichtig, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und für das eigene Wohlbefinden zu sorgen.
Du darfst für andere da sein, ohne dich selbst dabei zu verlieren. Denn langfristig entstehen stabile Beziehungen dort, wo Mitgefühl und Selbstfürsorge gleichermaßen Platz haben.