Zur umfassenden Selbsthilfe bei Borderline gehört nicht nur die Arbeit an der emotionalen Stabilität, sondern auch die Absicherung im „echten Leben“. Wer seine Rechte und Pflichten kennt, reduziert Unsicherheit und Stress – zwei der größten Trigger für Borderline-Symptome. In diesem Artikel erfährst du, warum rechtliche Vorsorge im Umgang und bei der Behandlung von Borderline von erheblichem Vorteil sind. Die umfassende Information über Themen wie Gleichstellung, Patientenverfügung und Berufsunfähigkeitsversicherung sind ein Akt der Selbstfürsorge, den du frühzeitig ernst nehmen solltest.
Borderline am Arbeitsplatz: Was muss der Chef wissen?
Borderline im Berufsleben ist ein heikles Thema. Niemand möchte im Job abgestempelt werden. Trotz zunehmender Aufklärung ist die Gefahr einer Stigmatisierung noch immer groß. Die gute Nachricht: du hast keine Offenbarungspflicht gegenüber deinem oder deiner Arbeitgeber:in. Aber: Kolleg:innen und Vorgesetzte können besser auf dich eingehen, wenn sie in die Borderline-Symptomatik eingeweiht sind. Das Versteckspiel im Job kann zu einer enormen Zusatzbelastung für dich werden. Vielleicht gelingt es dir, deine starken Gefühle eine Zeit lang zu unterdrücken, doch ein gesunder Umgang mit Borderline sieht anders aus.
Nicht umsonst gibt es das Sprichwort von der „entwaffnenden Ehrlichkeit“. Menschen schätzen Offenheit. Nur die wenigsten werden diese im Job ausnutzen, um dir gezielt zu schaden. Diskriminierung und Stigmatisierung sind heutzutage keine gern gesehenen Charaktereigenschaften. Vertraue darauf, dass deine Vorgesetzten alles dafür tun, um dir den Rücken freizuhalten, wenn du sie ins Boot geholt hast. Zudem erhöht das ehrliche Gespräch über deine Erkrankung oft das Verständnis bei längeren Krankheitsphasen und du kannst von deinem Recht der Wiedereingliederung nach § 167 SGB IX Gebrauch machen.
Schränkt dich Borderline am Arbeitsplatz so sehr ein, dass eine festgestellte Schwerbehinderung vorliegt, solltest du deine Vorgesetzten davon unterrichten. In diesem Fall greift der besondere Kündigungsschutz nach SGB IX und dir stehen fünf zusätzliche Urlaubstage im Kalenderjahr zu.
Schwerbehinderung und Gleichstellung bei Borderline: Vor- und Nachteile
Um eine Schwerbehinderung wegen Borderline zu beantragen, musst du zunächst den Grad der Behinderung feststellen lassen. Dieser reicht von 10 bis 100 und misst die Beeinträchtigung im täglichen Leben und Möglichkeit zur Teilhabe am gesellschaftlichen Miteinander. Je nach Schweregrad bestimmt der Grad der Behinderung über Sozialleistungen wie einen Schwerbehindertenausweis, Rente sowie Eingliederungshilfen am Arbeitsplatz.
Behinderung ist ein mächtiges Wort und viele Betroffene scheuen sich, den langen Weg der Beantragung zu gehen. Wer möchte schon als schwerbehindert gelten? Wichtig zu wissen ist jedoch, dass die Prozedur dir keinen Stempel aufdrücken, sondern dich nachhaltig im täglichen Leben entlasten soll.
- Ab einem Grad der Behinderung von 30 hast du Recht auf Gleichstellung mit schwerbehinderten Menschen. Dadurch werden die Nachteile am Arbeitsmarkt, die dir aufgrund der Borderline-Persönlichkeitsstörung entstehen können, ausgeglichen. Mit einer Gleichstellung tritt der stärkere Kündigungsschutz in Kraft, unter dem auch Menschen mit einer Schwerbehinderung stehen. Zudem erleichtern spezielle Förderungen Arbeitgeber:innen es, dir eine Stelle im Unternehmen zu verschaffen.
- Beträgt dein Grad der Behinderung 50 oder mehr, besteht bei dir eine Schwerbehinderung aufgrund von Borderline. Neben den genannten Rechten der Gleichstellung, profitierst du darüber hinaus von Zusatzurlaub, kostenloser Beförderung im Personennahverkehr und einer besonderen Altersrente. Zusätzlich kannst du einen Schwerbehindertenausweis beantragen, der dir unter anderem das Parken vor öffentlichen Einrichtungen erleichtert.
Zur Selbsthilfe bei Borderline gehört es eben auch zu erkennen, wo deine Grenzen der Belastbarkeit liegen. Du darfst Unterstützungsangebote ruhigen Gewissens in Anspruch nehmen. Deine behandelnden Ärzt:innen sowie deine Agentur für Arbeit sind die richtigen Ansprechpartner:innen, um dich bei der Beantragung einer Gleichstellung oder Schwerbehinderung wegen Borderline zu unterstützen.
Versicherungen und Psychotherapie: Hürden und Lösungen
Es ist ein offenes Geheimnis, dass die meisten Berufsunfähigkeitsversicherungen psychische Erkrankungen wie Borderline, Depressionen, Angst- und Panikstörungen kategorisch ausschließen. Der Grund: genau diese Erkrankungen führen am häufigsten zur Berufsunfähigkeit (über 30 Prozent!) und stellen für die Versicherungen damit ein enormes Risiko dar. Verständlich, aber nicht fair den Betroffenen gegenüber. Zum Glück ist eine Berufsunfähigkeitsversicherung dennoch möglich, wenn du dich an die Regeln hältst. Gute Voraussetzungen für eine Berufsunfähigkeitsversicherung trotz psychischer Erkrankung sind:
- Erfolgreich abgeschlossene Therapie
- Erkrankung vor Therapie liegt einige Jahre zurück
- Ausführliche, wahrheitsgemäße Dokumentation
- Ärztlicher Abschlussbericht deines Therapeuten oder deiner Therapeutin
Tipp: Hole dir zur Beantragung unbedingt fachkundige Unterstützung. Andernfalls riskierst du eine schlechtere Beurteilung und höhere Kosten bis hin zur gänzlichen Ablehnung durch die Versicherung.
Wenn du den Stress mit deiner Berufsunfähigkeitsversicherung von vornherein umgehen willst, sind Angebote zur digitalen Anwendung, sogenannte DiGA für Borderline, empfehlenswert. Die digitalen Therapien sind von offizieller Stelle geprüft und zertifiziert und arbeiten mit hochwirksamen therapeutischen Verfahren wie der kognitiven Verhaltenstherapie oder Schematherapie. priovi ist die weltweit einzige verschreibungsfähige DiGA für Borderline und gibt wertvolle Strategien zur Selbsthilfe bei Borderline im Alltag. Einfach zum Arzt oder der Ärztin gehen, Rezept einholen, bei der Krankenkasse einreichen und zu deiner Zeit mit der unterstützenden Behandlung von Borderline beginnen.
Krankentagegeld bei psychischen Erkrankungen
Auch psychische Erkrankungen wie Borderline sind im Krankentagegeld mitversichert. Es wird ausgezahlt, wenn Arbeitnehmer:innen länger als sechs Wochen wegen einer psychischen Erkrankung krankgeschrieben sind.
Achtung: Da psychische Erkrankungen mittlerweile für über 30 Prozent der krankheitsbedingten Arbeitsausfälle verantwortlich sind, kann es vorkommen, dass du bei deiner Krankenkasse hartnäckig sein musst, um dein Recht durchzusetzen.
Allen gesetzlich versicherten Personen steht Krankentagegeld bei psychischen Erkrankungen zu. Tatsächlich wird hierbei nicht von körperlichen Erkrankungen unterschieden. Anders sieht die Lage bei privaten Krankenversicherungen aus. Hier gilt es, die verschiedenen Vertragsklauseln über psychische Erkrankungen im Vorfeld genau zu prüfen. Für eine geplante Selbstständigkeit als Borderline-Patient:in empfiehlt es sich in der Regel, freiwillig gesetzlich versichert zu bleiben.
Die Patientenverfügung für psychische Krisen
In einer akuten Krise oder bei einem Borderline-Zusammenbruch kann es mitunter schwer oder unmöglich sein, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen. In diesem Fall hilft eine psychiatrische Patientenverfügung einer von dir bestimmten Person zu entscheiden, welche medizinischen Maßnahmen angemessen sind. Eine solche Patientenverfügung für die Psychiatrie ist notwendig, wenn du aufgrund einer schwerwiegenden psychischen Krise deine Einwilligungsfähigkeit (vorübergehend) verlierst. Hilfestellung gibt ein Formular der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie. Triff Entscheidungen über zukünftige Behandlungssituationen immer in „guten Momenten“. Im akuten Notfall kann die von dir festgelegte Person genau darauf zurückgreifen. Solche Entscheidungen betreffen vor allem die Wahl von:
- Medikamenten
- Kliniken
- Behandlungsformen
- Zwangsmaßnahmen
Sprich im Vorfeld ausführlich in einem ruhigen Rahmen mit der Vertrauensperson deiner Wahl. Fülle auf keinen Fall eine Patientenverfügung aus, ohne die betreffende Person darüber zu informieren. Die Verantwortung ist groß, auch wenn die Entscheidungen von dir selbst getroffen worden sind.