Woran kann man Borderline erkennen?
Intensive Gefühle, plötzliche Stimmungsschwankungen, große Angst vor dem Verlassenwerden oder Konflikte in Beziehungen: Wenn sich solche Erfahrungen wiederholen und Leidendruck verursachen, kann bei einigen eine psychische Erkrankung wie Borderline dahinterstecken. Aber woran kann man Borderline eigentlich erkennen? Die Antwort auf diese Frage ist komplexer, als es viele Checklisten im Internet vermuten lassen. Denn nicht jedes impulsive Verhalten, jeder Streit, jede Stimmungsschwankung oder jede Angst vor Zurückweisung bedeutet, dass eine Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) vorliegt.
Wenn du dich selbst in einigen der folgenden Beschreibungen wiedererkennst, bedeutet das nicht automatisch, dass du Borderline hast. In diesem Artikel erfährst du, an welchen Symptomen du Borderline erkennen kannst – bei dir selbst und anderen – und welche simplen Unterstützungsmöglichkeiten dir zur Verfügung stehen.
Borderline erkennen: Das Wichtigste kurz gefasst
- Anhand einzelner Verhaltensweisen vermeintlich Borderline zu erkennen, deutet noch lange nicht auf eine entsprechende Diagnose hin. Entscheidend ist das Zusammenspiel verschiedener Beschwerden und deren Auswirkungen auf das eigene Leben.
- Typisch für Borderline können Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation, ein instabiles Selbstbild, intensive und wechselhafte Beziehungen sowie Impulsivität sein. Auch eine ausgeprägte Angst vor Zurückweisung oder dem Verlassenwerden kann eine wichtige Rolle spielen.
- Borderline bei anderen zu erkennen ist nicht zuverlässig möglich. Ähnliche Verhaltensweisen können bei verschiedenen Arten psychischer Belastungen vorkommen.
- Eine Diagnose kann nur im Rahmen einer fachlichen diagnostischen Abklärung gestellt werden. Ausschließlich ärztliche sowie therapeutische Fachpersonen können Borderline
Wie erkennt man Borderline?
Vielleicht suchst du nach einem eindeutigen Zeichen: einer bestimmten Reaktion, einem bestimmten Verhalten oder einer typischen Eigenschaft. Bei einer Borderline-Persönlichkeitsstörung gibt es jedoch nicht das eine Merkmal, an dem man die Erkrankung erkennen kann. Stattdessen geht es eher um ein Muster, das sich über längere Zeit und in unterschiedlichen Situationen zeigt. Die deutsche S3-Leitlinie (medizinische Empfehlungen zur Diagnose und Behandlung verschiedener Krankheiten) beschreibt die Borderline-Persönlichkeitsstörung unter anderem als eine schwerwiegende Beeinträchtigung der Affektregulation, die mit Veränderungen des Selbstbildes und des zwischenmenschlichen Verhaltens verbunden ist. Das aktuelle Klassifikationssystem von Krankheiten, die ICD-11, führt das Borderline-Muster als Merkmal innerhalb einer Persönlichkeitsstörung auf. Dabei können beispielsweise mehrere der folgenden Bereiche betroffen sein:
- Umgang mit intensiven Gefühlen
- Wahrnehmung der eigenen Person
- Beziehungen zu anderen Menschen
- Umgang mit Impulsen
- Angst vor Zurückweisung oder Verlassenwerden
- Umgang mit innerer Anspannung
- Selbstverletzendes oder anderes selbstschädigendes Verhalten
- Gefühl von Leere oder innerer Instabilität
Wie stark diese Beschwerden ausgeprägt sind und welche davon im Vordergrund stehen, ist individuell unterschiedlich. Nicht jede Person mit Borderline erlebt alle möglichen Symptome.
An welchen typischen Symptomen kann man Borderline erkennen?
Wenn du eine Borderline-Erkrankung erkennen möchtest, hilft es, die verschiedenen Symptom-Bereiche einzeln zu betrachten. Zwei relevante Anzeichen für BPS können sein:
Intensive und schwer regulierbare Gefühle:
Ein zentrales Thema kann die Regulation von Emotionen sein. Gefühle können sehr schnell und sehr intensiv werden. Aus Ärger kann innerhalb kurzer Zeit starke Wut werden, aus Unsicherheit intensive Angst oder aus einer Enttäuschung das Gefühl, völlig am Boden zu sein. Menschen mit Borderline erleben in der Regel Gefühle besonders intensiv, zusätzlich klingen ihre Emotionen häufig schwerer wieder ab. Von außen kann eine solche Reaktion manchmal unverhältnismäßig wirken. Für die betroffene Person kann sich die zugrunde liegende Emotion jedoch überwältigend und unmittelbar bedrohlich anfühlen.
Angst vor Verlassenwerden:
Ein weiteres mögliches Merkmal, um Borderline zu erkennen, ist eine ausgeprägte Empfindlichkeit gegenüber tatsächlicher oder befürchteter Zurückweisung beziehungsweise dem Verlassenwerden. Das kann beispielsweise dazu führen, dass eine ausbleibende Nachricht, ein abgesagtes Treffen oder eine kleine Veränderung im Verhalten einer nahestehenden Person große Unsicherheit auslöst.
Dann können Gedanken entstehen wie:
- „Warum antwortet die Person plötzlich nicht mehr?“
- „Habe ich etwas falsch gemacht?“
- „Will er mich nicht mehr?“
- „Was, wenn sie mich verlässt?“
Die Angst kann so stark werden, dass Betroffene versuchen, eine Trennung unbedingt zu verhindern oder besonders schnell auf vermeintliche Distanz zu reagieren. Angst vor Verlassenwerden allein ist allerdings kein Hinweis darauf, dass eine Borderline-Persönlichkeitsstörung vorliegt. Entscheidend ist immer das gesamte Muster.
Wie kann man Borderline in Beziehung erkennen?
Beziehungen können bei einer Borderline-Persönlichkeitsstörung besonders intensiv erlebt werden. Nähe kann sich sehr wichtig und sicher anfühlen. Gleichzeitig kann bereits die Vorstellung von Zurückweisung oder dem Verlust der Beziehungsperson starke emotionale Reaktionen auslösen. Die Wahrnehmung einer Beziehung kann sich dadurch schnell verändern. Eine Person kann beispielsweise zunächst als besonders wichtig, verständnisvoll und nah erlebt werden. Nach einer Enttäuschung kann sich die Wahrnehmung innerhalb kurzer Zeit ins Gegenteil verkehren. Fachleute beschreiben bei Borderline unter anderem solche starken Schwankungen in Beziehungen und eine Tendenz zu sehr positiven oder sehr negativen Bewertungen. So eine Achterbahnfahrt der Gefühle kann für beide Seiten belastend sein. Besonders schwierig kann es werden, wenn Konflikte schnell eskalieren und danach wiederum starke Schuldgefühle, Angst vor dem Verlust der Beziehung oder der Wunsch nach intensiver Nähe entstehen.
Dabei sollte man jedoch vorsichtig sein: Eine konfliktreiche oder wechselhafte Beziehung bedeutet nicht automatisch Borderline. Beziehungen können aus sehr unterschiedlichen Gründen instabil sein, etwa aufgrund von Kommunikationsproblemen, anderen psychischen Belastungen, aktuellen Lebenskrisen oder vorherigen Beziehungserfahrungen.
Worauf sollte ich achten, um Borderline bei anderen zu erkennen?
Wenn du neugierig bist, wie man Borderline bei anderen Menschen erkennen kann, ist in erster Linie Zurückhaltung wichtig. Im Internet finden sich zahlreiche Listen mit angeblich typischen Verhaltensweisen. Das Problem dabei ist, dass viele dieser Verhaltensweisen auch bei Menschen ohne Borderline-Persönlichkeitsstörung vorkommen. Stimmungsschwankungen, Eifersucht, impulsive Entscheidungen, Angst vor einer Trennung oder Konflikte in Beziehungen sind für sich genommen keine ausreichenden Hinweise auf eine Diagnose.
Außerdem kennst du von einer anderen Person immer nur einen Ausschnitt ihres Erlebens. Du weißt nicht unbedingt, wie sie sich innerlich fühlt, welche Erfahrungen sie gemacht hat oder welche anderen psychischen oder körperlichen Faktoren eine Rolle spielen. Deshalb ist die Frage, ob dein Gegenüber nun eventuell Borderline haben könnte oder nicht häufig weniger hilfreich, als der Blick auf eure Dynamik, das, was zwischen euch passiert und was euch helfen könnte, besser miteinander umzugehen. Wenn du beispielsweise in einer Beziehung immer wieder dieselben intensiven Konflikte erlebst, kann es sinnvoll sein, über Grenzen, Kommunikation und gegenseitige Bedürfnisse zu sprechen oder selbst Unterstützung zu suchen. Dafür muss niemand zuvor eine Diagnose erhalten und sich niemand als vermeintlicher “Borderliner” zu erkennen geben.
Woran erkenne ich Borderline bei mir selbst?
Vielleicht erlebst du deine Gefühle häufig als sehr intensiv. Vielleicht hast du große Angst davor, verlassen zu werden und merkst, dass kleine Veränderungen in Beziehungen starke Reaktionen auslösen. Vielleicht schwankt dein Bild von dir selbst stark oder du weißt manchmal nicht genau, wer du eigentlich sein möchtest. Auch impulsives Verhalten kann eine Rolle spielen. Dazu können beispielsweise unüberlegte Ausgaben, riskantes Verhalten, Substanzkonsum oder Essanfälle gehören. Die deutsche S3-Leitlinie beschreibt solche Verhaltensweisen teilweise als Versuche, mit intensiver innerer Anspannung umzugehen. Weitere mögliche Erfahrungen, um eventuell Borderline bei dir selbst zu erkennen sind:
- ein wiederkehrendes Gefühl innerer Leere
- starke Schwierigkeiten mit Zurückweisung
- intensive Wut oder Probleme, Wut zu regulieren
- ein wechselhaftes Selbstbild
- das Gefühl, sich selbst oder die eigene Umgebung zeitweise fremd zu erleben
- selbstverletzendes Verhalten
- wiederkehrende suizidale Gedanken oder suizidales Verhalten
Aber auch hier gilt: Eine Liste von Symptomen ist keine Diagnose. Es kann absolut normal sein, dass du dich in einigen Punkten wiedererkennst, ohne eine Borderline-Persönlichkeitsstörung zu haben. Umgekehrt kann ebenso eine Borderline-Persönlichkeitsstörung vorliegen, obwohl nicht alle häufig genannten Merkmale vorhanden sind.
Was tun, wenn du glaubst, Borderline bei einem Menschen in deinem Umfeld zu erkennen?
Wenn du den Eindruck hast, dass eine nahestehende Person unter starken Stimmungsschwankungen, Konflikten oder großer Verlustangst leidet, ist es nicht deine Aufgabe oder Verantwortung, herauszufinden, ob sie Borderline hat oder nicht. Hilfreicher kann es sein, über das konkrete Erleben zu sprechen. Statt die Vermutung einer Diagnose in den Raum zu werfen, könnte beispielsweise ein Gespräch darüber stehen, was du beobachtest und wie es dir damit geht:
- „Ich habe den Eindruck, dass dich bestimmte Situationen sehr stark belasten.“
- „Ich merke, dass unsere Konflikte für uns beide immer wieder sehr intensiv werden.“
- „Möchtest du darüber sprechen, was in solchen Momenten in dir passiert?“
- „Vielleicht wäre es hilfreich, wenn du dir Unterstützung holst.“
Gleichzeitig dürfen auch Angehörige Grenzen setzen. Verständnis für die emotionale Not eines Menschen bedeutet nicht, jedes Verhalten aushalten zu müssen. Gerade in engen Beziehungen kann es wertvoller sein, sich selbst Unterstützung zu suchen und zu lernen, zwischen dem Verständnis für eine Emotion und der Verantwortung für ein Verhalten zu unterscheiden.
Digitale Unterstützung bei Borderline mit priovi
Wenn du merkst, dass dich intensive Gefühle, eine hohe Anspannung oder wiederkehrende Belastungen im Alltag herausfordern, kann es hilfreich sein, schon frühzeitig Unterstützung zu nutzen.
priovi ist eine digitale Therapie für Borderline und begleitet dich oder betroffene Menschen in deinem Umfeld dabei, Emotionen besser einzuordnen, hilfreiche Bewältigungsstrategien aufzubauen und einen stabileren Umgang mit belastenden Situationen zu entwickeln.
priovi ist kostenlos auf Rezept verfügbar – die Kosten übernimmt deine Krankenkasse. Ärzt:innen oder Therapeut:innen können dir priovi verordnen. Von deiner Krankenkasse erhältst du anschließend einen Freischaltcode, den du ganz einfach auf der priovi Website einlösen kannst.
Fazit – Borderline zu erkennen heißt, genauer hinzuschauen
Eine Borderline-Persönlichkeitsstörung kann ist unter anderem durch Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation, ein instabiles Selbstbild, intensive und wechselhafte Beziehungen, starke Verlustängste und impulsives Verhalten zu erkennen. Welche Beschwerden im Vordergrund stehen und wie sie erlebt werden, ist jedoch individuell sehr unterschiedlich. Einzelne Verhaltensweisen sind nicht spezifisch für Borderline und erlauben keine verlässliche Diagnose. Auch wenn du dich selbst in vielen Beschreibungen wiedererkennst, bedeutet das nicht automatisch, dass du die Erkrankung hast. Die Frage, ob nun eine Borderline-Persönlichkeitsstörung vorliegt oder nicht, lässt sich nicht mit einer einfachen Checkliste beantworten und gehört in die Hände von ausgebildeten Fachpersonen.